Warum sollte ein „Nachwuchswissenschaftler in der Qualifikationsphase“, der eigentlich genug zu tun hat, ein (weiteres) Blog beginnen? Zumal wenn er selbst einen Anspruch an Blogtexte heranträgt, der in der Praxis bald dazu führen wird, dass die Anzahl der Ideen für Blogposts die vorhandene Zeit zum Bloggen übersteigen wird, was in ihm eine Spirale des schlechten Gewissens in Gang setzen wird, die sich wiederum negativ auf die Motivation für das weitere Bloggen auswirkt.

Es hat etwas mit Trotz zu tun.
Aber von Beginn an:

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, deren Mitglied ich bin, führt seit einem guten Jahr ein Blog. Alle zwei Monate übernimmt eine andere prominente Person der deutschen Soziologie im SozBlog die Autorenschaft und bereichert es mit der ihr eigenen Art des Denkens über
Gesellschaft. Zuletzt hat zum Beispiel Armin Nassehi ein mehrteiliges Plädoyer für (theoretische und anschlussfähige) Einseitigkeit gehalten. Ausgangspunkt von Nassehis Forderung war das geringe mediale Echo auf den diesjährigen DGS-Kongress, von dem sich auf das Bild der Soziologie in der Gesellschaft schließen lasse.

Innerhalb dieser – in einem Blog angestoßenen – Diskussion über die gesellschaftliche Relevanz des akademischen Fachs der Soziologie zeigt sich eine bemerkenswerte Widersprüchlichkeit gegenüber den Möglichkeiten digitaler Kommunikation. Der für mein Anliegen relevante Teil der Debatte ist die Frage, was geeignete Formate für gesellschaftlich relevante Wortmeldungen sind. Und Jo Reichertz, der SozBlogger für Januar und Februar 2013, beantwortet die Frage mit dem von Nassehi geforderten Mut zur Einseitigkeit: Er formuliert die griffige These, dass das SozBlog eine Zeitverschwendung sei. Diese provokative Überschrift dient ihm als Aufhänger, seine bisherigen Vorbehalte als nun leibhaftiger Blogger in den kommenden beiden Monaten überprüfen zu wollen.

Die zu falsifizierenden Vorbehalte stehen in meinen Augen exemplarisch für ein in der deutschen Soziologie weit verbreitetes Bild von Blogs, zu dem ich mich verhalten möchte:

  • 1.) Blogs sind Orte „subjektiver Geschmacksurteile“, es sind öffentliche Arenen für „Klein- und Großcharismatiker“.

Reichertz‘ Vergleichshorizont hier sind natürlich wissenschaftlichen Textsorten, die für eine bestimmte Form von ‚objektiver‘ Intersubjektivität stehen. Während ich unterschiedliche Tendenzen in der jeweiligen Ansprechhaltung (Unterhalten vs. Logisch Argumentieren) durchaus unterschreiben würde, fehlt mir die Klarstellung, dass auch Wissenschaft nicht per se geschmacks- und werturteilsfrei ist. Besonders für Sozialwissenschaftlerinnen ist es wichtig, (eigene und fremde) Werturteile empirisch sichtbar zu machen, methodologisch abzufedern und diskursiv zu reflektieren. Dass die akademisch-soziologische Öffentlichkeit zudem ebenso nach den Mechanismen (großen und kleinen) Charismas funktioniert, ist zumindest mein persönlicher Eindruck aus der Beobachtung von und Begegnung mit einigen Großcharismatikern.

  • 2.) „Der Blog ist […] ein Pull-Medium: er drängt sich dem Leser nicht von selbst auf (Push-Medium), sondern er muss aktiv vom jeweiligen Nutzer aufgesucht (‚gezogen’) und gelesen werden. Insofern erreicht der Blog nur aktive Nutzer und Nutzerinnen.“

Die Möglichkeit zum Begriffs-Streit über inaktive Nutzerinnen (Wie kann man inaktiv Nutzen?) mal beiseite gelassen, fehlt mir hier die Sensibilität für die emprische Realität von Blogtexten. Diese
liegen (wie ich auch kommentiert habe) mitnichten herum, sondern werden sowohl algorithmisch (z.B. durch Suchmaschinen-Crawler) als auch ‚per Hand‘ mit Relevanz und Bedeutung (z.B. in Mailing-Listen oder auf Twitter) versehen. Nicht zuletzt durch Hyperlinks sind Blogs also wesentlich ‚aktiver‘ als ein gedruckter Text.

  • 3.) „Da der Blog offen für Besucher aller Art ist, bietet er sich (auch wegen der verkürzten und zugespitzten Argumentation) geradezu an für subversive (Fehl-)Deutungen durch Nutzer jedweder Art. Deshalb ist das Bloggen nicht ungefährlich – vor allem für die, die noch auf eine Karriere in der Wissenschaft hoffen.“

Die (in den Kommentaren kritisierte) Warnung vor der selbstermächtigten Veröffentlichung für Nachwuchswissenschaftler hat mich ehrlich gesagt kurz sprachlos gemacht. Reichertz‘ relativierendes Argument der Gefahr des Missverstehens ist mir zum einen nicht sehr eingängig – Zumal wenn man sich die kleinteiligen, gegenseitig Missverständnis unterstellenden Artikel-Replik-ReplikaufdieReplik-Kaskaden in gedruckten wissenschaftlichen Publikationen ansieht. Zum anderen ist so eine Warnung stark anschlussfähig für ein etwas traditionales Verständnis‘ von Qualifikation, fokussiert auf institutionalisierte Bildungstitel.

Ich darf zusammenfassen: Der unmittelbare Anlass zur Eröffnung dieses Blogs ist die seit November auf dem SozBlog stattfindende Debatte zur Relevanz der Soziologie im Allgemeinen, und die Diskussion darüber, ob Blogs gegeignete „Orte“ für (Sozial-) Wissenschaft sind, im Speziellen. In Reaktion darauf möchte ich, in dem mir möglichen Rahmen meiner eigenen Forschung, nicht nur zeigen, dass dieses angestaubte Verständnis von Blogs überholt ist. Die grundlegende Motivation, meine Arbeit und deren Bedingungen hier zu veröffentlichen, geht einen Schritt weiter: Mich interessiert nicht, ob ein Blog geeignet ist, sondern inwiefern. Was sind geeignete, gegebenenfalls neue wissenschaftliche (?) Textformen für Blogs? Inwieweit revidiert das unsere Vorstellung (und Praxis!) von Rezipient und Urheber? Und noch weiterführender: Wie beeinflussen Algorithmen in Software nicht nur die Darstellung, sondern auch den Prozess der Erlangung wissenschaftlicher Ergebnisse? Diesem Horizont von Fragen möchte ich mich in einem weiteren Post in dieser Woche widmen.
 
NACHTRAG: In den Minuten da ich diesen Text gegenlese und auf „Veröffentlichen“ klicken will, sehe ich das Jo Reichertz einen neuen Blogtext veröffentlicht hat. Er macht vor allem meine Gedanken zum zweiten Punkt weitgehend obsolet und ist sehr vergnüglich zu lesen, da Reichertz seine reflexive Sozialisation in die Blogosphäre ernst nimmt und ausführlich auf die Kommentare der Leserinnen Bezug nimmt. Tja, deutsche Soziologie, da wollte ich Dir in einem Blog Deine weitgehende Ferne zu blogspezifischen Ausdrucksformen vorwerfen und bevor ich den Artikel veröffentlichen kann, antwortest Du Dir selbst in einem Blogpost. Es besteht also Hoffnung und ich starte mit Demut.