Im ersten Post habe ich die Motivation für dieses Blog von einer in der deutschen Soziologie vorherrschenden, skeptischen und größtenteils uninformierten Haltung zu Online-Kommunikationsformen abgegrenzt. Solche Abgrenzungen funktionieren gut, u.a. weil sie an das David-Goliath-Frame anschließen (Näheres dazu, ab S. 3) – Und darin liegt ein gewisser Oppurtunismus. Mein Ziel ist nicht, wortreich gegen bestimmte Strukturen und Handlungsmuster der akademischen Disziplin Soziologie anzukämpfen. Obwohl das manchmal gut täte.

Ich möchte die Ziele dieses Blogs positiv formulieren. Dazu komme ich noch einmal auf Jo Reichertz zurück, der in seinem zweiten Post eine wie ich finde sehr produktive Unterscheidung zwischen Bloggen als Arbeits- und als Ausdrucksform trifft.

Das Blog als (soziologisches) Arbeitsmedium

  • a) Reflexionsfläche
    Ein Blog zu führen heißt in doppelter Hinsicht eine Reflexionsfläche zu schaffen. Zum einen für das Autorensubjekt selbst, zum anderen für Leserinnen, die sich den Themen oder dem Autorensubjekt verwandt fühlen. Anhaltende Selbstreflexion halte ich für eine zentrale Aufgabe für die Sozialwissenschaften, die eine eigenständige Erkenntnislogik gegenüber naturwissenschaftlichen Modellen behaupten wollen. Treffend formuliert es Barbara Sutter in ihrem Plädoyer für eine Wissenschaftssoziologie der Soziologie:  Das Projekt der (Wissens-) Soziologie erfordert eine doppelte Reflexivität (Habermas), sowohl gegenüber der gesellschaftlichen Präformation ihrer Organisationsformen und Untersuchungsgenstände, als auch gegenüber den zur Untersuchung herangezogenen Instrumenten.
  •  b) Arbeitstechnik und -techniken
    Zu den Instrumenten der Erforschung sozialer Welt gehören eben nicht nur die expliziten Erhebungs- und Auswertungsmethoden als Techniken guter Soziologie, sondern auch die Technologien mit deren Hilfe die Erhebungen, Auswertungen sowie Umformungen der Ergebnisse in Texte durchgeführt werden. (Was nimmt eine Videokamera (nicht) auf? Welchen Einfluss hat ein Kodierprogramm auf die Codes?)  Die Sektion qualitative Methoden der Sozialforschung hat das auf ihrer Frühjahrstagung 2012 als eine von zwei zentralen methodologischen Konsequenzen für die Zukunft empirischer Arbeit formuliert. Deswegen möchte ich hier mit Beiträgen zu meinem TechRider in Zukunft auf technische Bedingungen und Bedingtheiten wissenschaftlicher Arbeit mit informationsverarbeitender Technik hinweisen.
  • c) Wissenschaft als Prozess
    Ein Blog ist ein Kurzschluss bestehender Veröffentlichungsmodi. Nicht nur, dass die Texte keinem Reviewverfahren unterzogen und somit direkt veröffentlicht werden. Die Kommentarfunktion (hier auf dem Blog oder bei Facebook und Twitter) ermöglicht Leserinnen außerdem direktes Feedback. Von dieser Verkürzung kann wissenschaftliche Arbeit vor allem als Science in the Making profitieren: Zur Veröffentlichung in Fachzeitschriften formulierte Texte können Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens präsentieren, aber i.d.R. nicht den Weg dorthin. Bloggende Forscherinnen können sich zusätzlich zu Konferenzen und Workshops online sowohl mit akademischen Peers als auch allen anderen über ihre wissenschaftliche Arbeit austauschen.

 

Das Blog als (persönliches) Ausdrucksmedium

Die Unterscheidung dieser beiden Formen ist natürlich analytisch und setzt vor allem an kontrastiven Intentionen der Blogger an. Ich möchte beide Formen hier zusammenführen, auch aus dem anthropologischen Argument, dass wir generell in einem Ausdrucksverhältnis zur Welt stehen – Und deswegen keine Handlung ohne Selbst- oder Weltbezug vorstellbar ist. Deswegen will ich meine Motivation auch explizit in einen gewissermaßen weltanschaulichen Zusammenhang stellen.

  • d) Normalisierung
    Diese ersten beiden Posts des Blogs sind eine sehr explizite Auseinandersetzung mit der vergleichsweise langsamen Adaption digitaler Kommunikationsmittel in die akademische Disziplin Soziologie. Eigentlich ist genau das Gegenteil mein Ziel: Anstatt dank der Gnade der späteren Geburt mit dem Finger auf medial anders Sozialisierte zu zeigen, möchte ich ein Beispiel für eine weitgehend selbstverständliche (aber nicht unkritische!) Integration solcher Technik und Techniken in den Arbeitsalltag eines Sozialwissenschaftlers geben. Und das nicht aus der Position eines Early Adopters, sondern als jemand, der solche Techniken auch erst erlernen und prüfen muss.
  • e) Verantwortung
    Anhand einer Diskussion auf der Facebook-Seite eines Kollegens ist mir sehr deutlich bewusst geworden, welche Verantwortung öffentlich alimentierte Berufswissenschaftler (und solche die es werden wollen) tragen. Die im politischen System getroffenen Entscheidungen, welche Kultursparte, welche Schlüsselindustrie oder welches Forschungsprojekt gefördert werden, sind ja nur selten tatsächlich gesellschaftliche (im Sinne von kollektive) Entscheidungen darüber, was mit öffentlichen Geldern geschieht. In unserem Alltag haben wir aber die Möglichkeit, diese Entscheidungen auf der Mikro- und Mesoebenen nachträglich zu rechtfertigen. Und zwar in dem wir als Akademikerinnen und akademische Institutionen bewusst und aktiv nach Außen kommunizieren, was wir eigentlich so tun (und warum (und mit welchen Folgen)). Öffentlichkeitsarbeit ist nicht nur Werbung, es ist auch ein Mittel, um Verständnis und Vertrauen zu befördern. Noch einmal mit Barbara Sutter: Es ist Zeit, die „lange gepflegte Ignoranz der Soziologie gegenüber ihrem Image aufzugeben.“ (Sutter 2012: 430)
  • d) Weltverbesserung
    Es hat eine Weile gedauert, bis der sozialwissenschaftliche Mainstream im Bezug auf die sozialen Folgen der Diffusion digitaler Technik in den Alltag nicht mehr zuerst nach Pathologien, Abweichungen und Kulturverfall gefragt hat. Ich erlaube mir keine konkrete Vorstellung davon, welche Veränderungen auf der Makroebene möglich sind – Dirk Bäcker sieht z.B. eine neue Gesellschaftsform aufziehen. Aber es ist klar, dass das Internet ein großes humanistisches Potential besitzt, indem es durch seine technische Beschaffenheit als dezentrales, (leider eingeschränkt) übertragungsneutrales, raum- und zeitminimierendes Netzwerk mit vergleichsweise geringen ökonomischen Zugangsvoraussetzungen tatsächlich weniger diskriminiert, als alle bislang bekannten Formen des Zugangs zu Informationen. Und wenn wir als Wissenschaftler an einem möglichst ‚objektiven‘, also weitgehend unverfälschten Austausch des Produktes unserer Arbeit interessiert sind, sollten wir daran arbeiten, diesen Austausch durch einfache Zugänglichkeit zu fördern.
    Auch hier möchte ich den Blick stärker auf die Entstehung und Formulierung von Gedanken und Ideen als deren Publikation lenken: Das Ausschöpfen der durch digitale Technik erzeugten Möglichkeiten kollaborativer Arbeit, wird meines Erachtens sehr viel tiefgreifende Veränderungen bewirken, als die bislang beobachtbare Umstellung der Distribution von medialen Inhalten.

Die besonders in unserer textlastigen Wissenschaft verbreitete Vorstellung, dass der Name der am Ende über einem Text steht, allein für die Gewinnung und Auswertung der zugrunde liegenden Daten sowie die Formulierung des Endprodukts verantwortlich sei, halte ich für falsch und irreführend. Dass diese empirisch wenig haltbare Vorstellung ausgerechnet in einer Sozialwissenschaft (diskursiv) vorherrscht, zeigt wie notwendig die hier aus meiner Perspektive entrollte Diksussion ist.