Es ist schlicht beeindruckend, was sich derzeit im DGS-Blog abspielt. Nina Baur, Professorin für Methoden empirischer Sozialforschung an der TU Berlin, gibt eine wahre Power-Bloggerin:

  • Frequenz: 17 Blogposts in 19 Tagen
  • Länge: durchschnittlich 13.200 Zeichen pro Eintrag
  • das sind: fünf DINA4-Seiten in Word pro Eintrag [Standardeinstellung: Calibri, Schriftgröße 11, 1.15 Absatz, ohne Abbildungen]
  • insgesamt bislang: 87 Textseiten bzw. 28.885 Wörter, bzw. 224.574 Zeichen mit Leerzeichen

Ich bin geneigt zu sagen: „Das bringt doch nichts!“ Texte mit bis zu 30.000 Zeichen, also veritables wissenschaftliches Aufsatzformat, „einfach so“ in ein Blog zu tippen, halte ich für wenig sinnvoll. Zum einen, weil ich davon ausgehe, dass so lange Texte in einer einspaltigen, schmalen Blogdarstellung schlicht nicht gelesen werden. Zum anderen – und wichtiger – weil nackter Text unter weiträumiger Umfahrung blogspezifischer Darstellungsmöglichkeiten [Einbindung v. Medieninhalten, Kanalvielfalt, Hyperlinks] wieder bedeutet, dass die institutionalisierte deutsche Soziologie immer noch keinen adäquaten Zugang zu einer nun seit 20 Jahren akuten Medienform gefunden hat.

(Nicht nur) Meine Kritik lautet also: Nina Baur bloggt in beeindruckender Quantität – Aber dabei leidet die Qualität der Wirkung. Ich habe beide Vorwürfe (Abschreckende Textfülle, geringe Adäquanz für Blogkommunikation) vor diesem Eintrag hier noch einmal kritisch an den Posts von Frau Baur übrerpüft – und muss sie zum Teil einschränken.

Das liest doch keiner! – Doch, Soziologen.
Die Soziologie war eine Textwissenschaft, ist eine Textwissenschaft und wird vermutlich auch eine bleiben – An der Art und Weise, wie derzeit videografische Ansätze eingeführt und diskutiert werden wird das eher bestätigt als revidiert. Deswegen sind Soziologinnen und auch eifrige Studierende geübt darin, lange Texte zu lesen. Es lässt sich trotz der auffallend langen und häufigen Texte eine durchschnittliche Zahl von zwei Kommentaren pro Eintrag beobachten. Und damit nicht wesentlich weniger, als bei den Vorgängerinnen von Frau Baur. Dennoch geben einige regelmäßige Leser (im Gespräch, aber auch auf Twitter) an, bei dieser Frequenz nicht mitzukommen. Zwischenfazit: Fachpublikum murrt, bleibt aber dennoch bei der Stange.

Das könnten genauso gut alles Print-Artikel sein. – Ja und nein.
Einige Einträge der aktuellen SozBloggerin lesen sich tatsächlich wie fertige Aufsätze, inklusive (nicht durchgängig verlinkter) Fußnoten am Ende des Textes und Literaturangaben mit einem Dutzend Titel. Wissenschaftlich korrekt, blogspezifisch höchst schwierig. Was ich aber zunächst übersah, ist dass Nina Baur auch eine andere Form von Artikeln veröffentlicht: Kurze, prägnante, von vermittelndem Anspruch und persönlicher Einordnung gekennzeichnete Posts, z.B. über die Bedingungen der Fleischproduktion. Dieses Posts zeichnen sich auch durch die breite Einbindung von Bildmaterial aus und nutzen damit eine blogspezifische Darstellungsstärke. Zwischenfazit: Der eigene Anspruch, mit dem Medium etwas auszuprobieren, bleibt nicht gänzlich unerfüllt.

Fazit: Mehr Mut!
Trotz dieser Einschränkungen der Kritik – und neben meiner generellen Freude über das SozBlog und dem damit einhergehenden Implementationsdiskurs: Internet vs. Soziologie – bleiben für mich mehrere unangenehme Punkte:

  • mit dieser Textmenge erreicht man kein fachfremdes Publikum
  • mit dieser Postingfrequenz erschwert man auch regelmäßigen Lesern das aufmerksame Verfolgen
  • in letzter Zeit war das SozBlog ein Ausprobieren vorwiegend für die Autorinnen, nicht für das Publikum oder „die“ Soziologie
  • bis heute sind keine multimedialen Posts oder Best Practice-Beispiele der Nutzung eines Blogs vorgekommen – Während es andernorts selbstverständlich geworden ist, digitale Vorlesungen zu halten (oder zumindest verfügbar zu machen), Folien bereitzustellen und damit (durchaus komplizierte!) Inhalte in multimodaler Form aufzubereiten
  • mit nur sehr wenigen Ausnahmen präsentiert das SozBlog soziologische Arbeit als Produkt, als fertig, als readymade, als abgeschlossen

Besonders den letzten Punkt halte ich für symptomatisch: Leider sind in der institutionalisierten deutschen Soziologie die Geisteshaltungen und Perspektiven für und mit Wissenschaft als Beruf unter den Bedingungen des digitalen Zeitakters noch nicht angekommen. Ich wünsche mir und dem SozBlog mehr Mut, auch in diese Richtungen zu arbeiten. Einen kleinen Überblick und Anregungen über die Möglichkeiten und Facetten einer lebendigen wissenschaftlichen Blogossphäre [zu der die Soziologie unbedingt gehören müsste!] gibt es bei Hypotheses am Vorbild Frankreich.

UPDATE [19.03.2013, 15.20 Uhr]
Ich habe im obigen Blogpost eine wichtige Facette dieses Texts nicht explizit genug formuliert: Ich mache diese Kritik nicht Nina Baur als Person und Soziologin zum Vorwurf, sondern den Umständen des Bloggens auf dem SozBlog im Speziellen und dem digitalen Hinterherhinken der deutschen akademischen Soziologie im Allgemeinen.
Das Blog an sich halte ich für eine gute Einrichtung, ich meine auch zu beobachten, dass es viele an Soziologie Interessierte (Studierende, Studierte, Doktoranden, Promovierte, Professorinnen und die ein oder andere Koryphäe) diskursiv zusammenbringt. Und so wie Frau Baur ihr zweimonatiges Mandat inhaltlich nutzt – indem Sie konkrete Soziologie betreibt anstatt Metadiskurs – halte ich das SozBlog auch für eine potentiell gewinnbringende Einrichtung. Ein Kommunikationsweg, der das von Armin Nassehi zugespitzte Problem der gesellschaftlichen Relevanz deutscher Soziologie tatsächlich – im Kleinen – bearbeiten kann.
Das DGS-Blog allein muss und kann das digitale Hinterherhinken gar nicht allein beheben. Dafür ist es als Korporations- bzw. Institutionenmedium auch zu festgelegt – Und gleichzeitig bezüglich Form, Format, Adressatenkreis und Themen viel zu unterbestimmt (von der Art und Weise der Autorinnengewinnung mal abgesehen). Ich würde mir aber von diesem vergleichsweise doch sehr prominenten Blog wünschen, dass es sich für breitere Darstellungsformen, die nicht zuerst die Bedingungen des akademischen Feldes als Erwerbsarbeit (Reputation aufbauen und belegen) reproduzieren, öffnet. Ich würde mich freuen, wenn die DGS ihren begrüßenswerten Schritt, ein Blog zu eröffnen und solche Diskurse damit zumindest billigend in Kauf zu nehmen, zum Anlass nimmt, die akademische Soziologie hierzulande in weitere, vielgestaltigere und wirksamere digitale Vermittlungen soziologischer Arbeit und soziologischen Wissens zu begleiten.
Ich möchte diese Kritik auch nicht als Nörgeln eines besserwisserischen Zaungast [der ich aber durchaus gern bin] verstanden wissen, weswegen ich sie auch in anderer Form an die Initiatoren des Blogs formulieren werde.