Ich bin derzeit auf der „Mensch und Computer 2013“ einer Konferenz, die Professionals und Wissenschaftlerinnen aus dem Bereich Mensch-Computer-Interaktion anspricht. Damit sind so unterschiedliche Tätigkeitsbereiche wie Websiten-Optimierung für Shoppingportale oder die Entwicklung neuer Hardware-Schnittstellen gemeint, wie auch Bedürfnis- und Nutzungsanalysen verschiedener Zielgruppen.

Für ebenjenes interdisziplinäres Zielpublikum haben Benny Liebold und ich einen Workshop konzipiert, der methodische und methodologische Probleme des Zugangs zu „Interaktion“ zwischen Mensch und Computer thematisiert [Update: Diskussionseinblick hier]. Im Rahmen dieses Workshops und anderer Vorträge auf der Konferenz hat sich eine Frage als drängend erwiesen, die ich gern hier und in den Comments mit euch diskutieren möchte:

Wie lassen sich Ergebnisse qualitativer Forschung in Projekten mit Schnittstellen zu Informationstechnik anschlussfähig kommunizieren?

Um überhaupt auf diese Frage antworten zu können, möchte ich versuchen, dass damit behauptete Problem – die geringere Anwendung und/oder Anwendbarkeit rekonstruktiv gewonnener Beschreibungen sozialer Welt für Mensch-Maschine-Schnittstellen – zu verstehen. Meiner Beobachtung nach speist sich das Problem aus zwei kulturellen Übersetzungsproblemen, die ich kurz anführen will.
Zunächst einmal berichten vor allem Entwerfer aus der Wirtschaft, dass ihre Vorgaben nahezu ausschließlich aus quantifizierbaren Zielen bestehen. Ein Teilnehmer des gestrigen Workshops sagte wörtlich: „Mein Chef will halt, dass da am Ende eine Zahl bei herauskommt.“ Die Tendenz, Erfolgsfaktoren zu messen anstatt zu verstehen, ist überall dort anzutreffen, wo Problemlösungen zuvorderst an Effizienz gemessen werden. Bereits formalisierte Daten, die Komplexität reduzieren, bilden die Struktur der Entscheidungen, die in diesem Modus Operierende zu treffen haben, einfach besser ab. Die Zielvorgabe der Steigerung des Absatzes um X %, lässt sich leichter in einer quantitativen Metrik für die Benutzbarkeit eines Online-Shops als bearbeitbar kommunizieren. Ein nachvollziehendes Nutzererleben ist dafür nicht direkt tauglich. Das Übertragungsproblem für die Ergebnisse sog. qualitativer Forschung bestünde dementsprechend in deren offenbar zu geringer Komplexitätsreduktionsfähigkeit, um anschlussfähig für trivialökonomische Entscheidungen zu sein.

Am Punkt Komplexitätsreduktion setzt auch das zweite Übersetzungsproblem an. Um überhaupt arbeitsfähig zu sein, müssen notwendigerweise Faktoren zur Bearbeitung selektiert werden. In der „Natur“ des Codes und der entsprechenden Arbeitsschritte der Erstellung einer Schnittstelle wie einer Website liegt es allerdings nicht, dass diese nur quantitativ formalisierbar sein müssen. Wie in jeder Sprache sind auch im Code die Bedeutungsgehalte der Ausdrücke nicht von der Struktur der verwendeten Zeichen determiniert [vgl. der späte Wittgenstein, Qine, Austin & Co.]. Durch Informationstechnik prozessierbare Informationen müssen zwar aus Gründen der Komplexitätsreduktion exakter als Alltagssprache sein, aber nicht notwendigerweise nach den gleichen Regeln exakt wie Mathematik. Aus Gründen über die ich zunächst nur spekulieren kann (und die ich derzeit erforsche), findet in den Arbeitsschritten zu solchen Schnittstellen allerdings ein relativ radikales Blackboxing statt: Soziale Wirklichkeit wird in der Arbeitswirklichkeit von HCI’lern (akademisch oder „in der Wirtschaft“) fast ausschließlich auf quantitative Skalierungen reduziert. An die Darstellung qualitativer Ergebnisse adressiert hieße diese Problembeschreibung, dass sie nicht formalisierbar genug sind, um im Feld der HCI Anklang zu finden.

Ich finde es wichtig, nicht an dieser (unvollständigen!) Problembeschreibung stehen zu bleiben. Ich würde mich freuen, andere Erfahrungen oder Einschätzungen zu diesem Problembereich zu lesen. Ein sinnvoller nächster Schritt wäre, Punkte für eine Handlungsempfehlung („anschlussfähige(re) Darstellungsformen qualitativer Ergebnisse“) zu sammeln und zur Diskussion zu stellen. [Ergänzung: Dazu gehört natürlich auch die Frage, ob man für solche Formen der Kommunikation anschlussfähig sein will.]

Disclaimer: Danke an meinen Kollegen Michael Heidt für die anregenden Diskussionen und Hinweise, die diesem Post vorausgingen!