Beispiel für Komplexität: Zusammenspiel im Orchester. Photo by US Consulate Vladivostok 2010 under CC BY-ND.Beispiel für Komplexität: Zusammenspiel im Orchester. Photo by US Consulate Vladivostok 2010 from Flickr under Creative Commons License BY-ND 2.0

Ich bin in einem Text auf die Unterscheidung komplex / kompliziert gestoßen, die ich hier kurz diskutieren will (1.), um Sie dann auf das Problem „sozialer Software“ zu beziehen (2.), welches auch eine Rolle in meinem Diss-Projekts spielt.

In der theoretisierenden Einleitung „Elemente einer Akteur-Medien-Theorie“ von Erhard Schüttpelz [Auszug, PDF] wird Unterscheidung komplex / kompliziert durch Bruno Latour aufgegriffen. Latour macht diese u.a. in seiner Studie über Paris als gekoppeltes technisches System.

Complex relations force us to take into account simultaneously a large number of variables without being able to calculate their number exactly or to record that count, nor a fortiori, to define it’s variables. The lively and animated conversation we’re attempting, leaning on a bar counter, is complex, as is the course of a ball and the play of football teams in a match, or the fine coordination through wich an orchestra listens to or filters the emanation of each instrument and voice. By contrast, we’ll call ‚complicated‚ all those relations which, at any given point, consider only a very small number of variables that can be listed and counted.

(Latour 2006 [frz. 1998]: 30, Hervorhebung AB) [Volltext, PDF]

Ich finde diese Unterscheidung sehr interessant, da sie uns mit einem Problem konfrontiert, das im Grunde an allen aktuellen Mensch-Maschine-Schnittstellen wieder auftaucht: Der Versuch der Operationalisierung von Alltagssituationen in Algorithmen. Weiterführend schließt sich aus sozialtheoretischer Sicht die Frage an, wie sich solche Vorgänge und ihr (Nicht-)Gelingen in eine gute soziologische Erklärung überführen lassen. Aber zunächst einmal müssen wir die Unterscheidung komplex / kompliziert rekonstruieren.

1.) Komplex / kompliziert bei Latour

Was wird hier beschrieben? Im Grunde geht es um eine Taktik, kleinschrittige Abläufe abzugrenzen, um diese technisch behandelbar zu machen. Besonders in bürokratischen und technischen Kontexten geht es darum, Handlungen in möglichst simple Einzelschritte zu zerlegen. Zum Beispiel, weil die Handlungen durchviele verschiedene Beteiligte – wie Abteilungen, Datenbanken, konkrete Mitarbeiter, verschiedene Ein- und Ausgabemasken – „hindurch“ koordiniert werden müssen. Eine Unterteilung, die dieser Taktik folgt, wird als kompliziert bezeichnet, da sie aus vielen verschalteten Einzelschritten besteht. Diese geben jeweils nur eine kleine Auswahl an Handlungsoptionen („variables“), und machen dadurch nur einen bestimmten Ausschnitt der Umwelt bearbeitbar. Schüttpelz gibt das Beispiel des Call-Center-Anrufschemas, das Gesprächsverläufe nach Frage-Antwort-Rastern formt. Somit wird ein durchaus komplexe Situation wie die telefonische Bearbeitung eines technischen Problems in aufeinanderfolgenden Schritten standardisiert behandelbar.

Komplex ist dagegen der Zustand, in dem sich nicht nur nicht alle Variablen oder überhaupt deren Anzahl konkret bestimmen lassen, sondern diese auch noch gleichzeitig anstatt nacheinander wirken. Latour nennt im Zitat Beispiele wie Bargespräche, das Fußballspiel oder wie ich finde besonders anschaulich, das Zusammenspiel eines Orchesters, das sich koordiniert, indem es aus seinem eigenen Klang einzelne Instrumente und Stimmen isoliert. Die Praxis der Aufführung ist komplex, da sie nicht symbolisch in einer feinsäuberlichen Partitur stattfindet, sondern in einem Raum, möglicherweise mit elektrischer Vestärkung, meist vor Publikum, und in jedem Fall durch Musikerinnen mit Instrumenten – eine Konstellation in der es unzählige Variablen gibt, die das Zusammenspiel beeinflussen. Exemplarisch sei eben die von Latour angeführte akustische und visuelle Orientierung aneinander, an sich selbst, an der Partitur und am Klang des eigenen Instruments genannt. Im Abstimmen wird ein weiteres Merkmal von Komplexität deutlich: Die Taktik des Erfassens entlang von Fehlern und Problemen. Die Bearbeitung komplexer Situationen beginnt an und strukturiert sich entlang von Problemhorizonten. Im Beispiel wäre das etwa ein falscher Ton, ein zu schnelles Tempo oder eine ungewünschte Klangfarbe. Entlang dieser Störungen wird das emergent Phänomen Orchesterklang durch Anpassung unter den Musikerinnen neu ausgerichtet / korrigiert oder eben überhaupt erst (während Vorführungen stillschweigend) thematisiert.

Auf vier Gegensatzpaare gebracht kann man die Unterscheidung komplex / kompliziert wie folgt beschreiben und an Latours Beispiel exemplifizieren:

komplex kompliziert
unbekannte Variablen bekannte Variablen
simultan sukzessive
nicht-linear linear
problematisierend definierend
unberechenbar berechenbar

Eine Partitur beschreibt symbolisch Operationen, die aus einer endlichen und definierten Menge an Variablen bestehen. Sie ist linear ausnotiert und führt Instrumente(ngruppen) zeilenweise auf. Die gelungene Aufführung einer Partitur sieht sich einer unkalkulierbaren Menge an Variablen zum Gelingen / Nicht-Gelingen ausgesetzt. [Vermutlich ist die Aufführungs- und Rezeptionspraxis klassisch orchestraler Werke auch deswegen so eng kodifiziert]. Die Instrumente erklingen simultan und insofern auch nicht linear. Latours Beispiel zeigt, wie eben durch die besondere (Körper-)Technik des Hörens und Abstimmens aufeinander die Linearität der Partitur in der Aufführung kompensiert werden muss, was sie zu einem komplexen statt komplizierten Vorgang macht.

2.) Komplexität verkomplizieren

Mit Latours Differenzierung lassen sich übrigens auch schöne Wortspiele anstellen, wie es diese Zwischenüberschrift versucht. Ich will es aber (aunahmsweise) nicht beim Witz belassen, sondern erklären, wieso ich die „Verkomplizierung der Komplexität“ für paradigmatische Aufgabe von Softwareingenieuren, Systemdesignern, Usability-Gestaltern, Nutzermodellierern und auch Kognitionspsychologen halte. Diese Berufsrollen haben besonders im Hinblick auf die computergesetütze Behandlung von Alltagssituationen und „Laien-User“ das Ziel, komplexe Situationen berechenbar und damit kompliziert zu machen. Sie müssen die potentielle Unkalkulierbarkeit von kontigenten Alltagssituationen in berechenbare Einzeloperationen zerlegen und umformen. Und üblicherweise fängt diese computerisierte Bearbeitbarmachung von Abläufen mit der Etablierung der genannten Differenz zusammen: Die Trennung in zerlegbare / (vorerst) nicht-zerlegbare Abläufe ist ein künstlich geschaffenes „Gefälle“ (Schüttpelz, S. 43), das den Beginn technischen Einrichtung markiert.

In den Fachgemeinschaften HCI und Sozialrobotik, auf deren Kongressen und in ihren Publikationen ist die Suche nach computerisierbaren Modellen für solche Probleme der Kern der Aufmerksamkeit. Und zunehmend ist das Gütekriterium für diese Arbeit das adäquate Funktionieren außerhalb des Labors, nämlich in den konkreten Alltagssitutationen. Bei der Bearbeitung dieser komplexen Probleme konnte ich bislang zwei interessante Abweichungen in der Definition komplex / kompliziert beobachten. Die erste besteht in der Annahme, dass auch hochkomplexe und kontingente Situationen mit sehr vielen, den Systemdesignern nicht zwangsläufig bekannten Variablen prinzipiell berechenbar sind. Dafür wird u.a. das Buzzword „Big Data“ in Anschlag gebracht, das verkürzt gesagt davon ausgeht, dass innerhalb großer Datenmengen spezielle Algorithemn in der Lage sind, die „Struktur“ der Situationen und die relevanten Variablen selbstständig zu isolieren und zu berechenen. Dieses Programm ist eng an die Voraussetzungen stetig steigender Rechenleistungen und automatisierter Datenerhebungen gekoppelt.

Für mich – als nach den Kriterien und Mechanismen der Entwurfsprozesse Fragender – ist die zweite Umdeutung des Verhältnisses komplex / kompliziert noch interessanter. Häufig wird die Differenz auf linear / nicht-linear reduziert, um aus der vermeintlichen Schwäche der Informationstechnik, dem linearen Prozessieren, eine Stärke zu machen. Durch die hohe Geschwindigkeit der Datenverarbeitungen können nacheinander geschaltete Berechnungen in ihren Ergebnissen nicht nur ebenso schnell, sondern häufig sogar schneller als vergleichbare menschliche Entscheidungsprozesse laufen. Mir geht es bei dieser Beobachtung aber zunächst weniger um die Ergebnisse solcher Operationen, als die damit einhergehende Verunsichtbarung ganz zentraler Entscheidungen der Entwickler und Entwicklerinnen. Indem nämlich die Anzahl und Relevanz der Einflussgrößen (Variablen) zu bestimmender Alltagssituationen nicht zum eigentlichen Problem gerechnet werden, fallen sie in einen häufig unterbestimmten und wenig reflektierten Raum. Die Entwickler und Entwicklerinnen treffen hierbei Entscheidungen über die zu beachtenden Variablen entweder auf Basis eigener lebensweltlicher Erfahrung [„Für mich klingt das so.“], oder ausgehend von Adhoc-Modellen [„Dirigenten hören besser hin.“] beziehungsweise individualisierenden psychologischen Konzepten [„Klangverarbeitung geschieht zeitlich vor Entscheidungsfindung.“]. So geraten nicht nur konkrete Einflussfaktoren und eine dezidiert sozialtheoretisch inspirierte Bearbeitung der Handlungsprobleme von HCI und Sozialrobotik aus dem Blick, es findet auch ein folgenreiche Umdeutung und unzulässige Vereinfachung der zu bearbeitenden Probleme statt.

Modelle bestimmter sozialer Situationen, die behaupten alle relevanten Einflussfaktoren upfront zu kennen und erfolgreich operationalisieren zu können, implizieren eine Steuerungsmöglichkeit, die zum einen so de facto nicht gegeben ist und zum anderen eine bestimmte, problematische Art der Weiteren Bearbeitung dieser Situationen bedeutet. Am Beispiel von Sozialrobotern in der Altenpflege: Der Einsatz der komplizierten computersierten Modelle in einem verkörperten Pflegeroboter macht die Situation wieder kompliziert: Menschen reagieren u.U. anders auf das System, als sie es bei einem sich gleich verhaltenden Menschen täten. Lucy Suchmans Laborstudien haben gezeigt, wie im alltagsweltlichen Einsatz komplizierte und in sich durchaus stimmige Handlungsketten mit einer Art von Alltagskomplexität konfrontiert sind, die sie in der Regel zum Scheitern bringt. Außerdem operieren – soweit ich die betreffenden Felder bislang überblicke – im Grunde keine robusten Systeme, die mehr als zwei oder drei Faktoren „unfallfrei“ in Anschlag bringen können. Darüber hinaus sind diese Faktoren meist natürlich nicht semantisch, sondern eher physikalisch [z.B. Proxemitäten]. Im Beispiel der Alterspflege wird zudem deutlich, dass die Behauptung eines erfolgreich verkomplizierenden / entkomplexizierenden Modells zudem Folgen für die Situation an sich hat. Sowohl der Logik des zuständigen „Gesundheitssystems“ als auch der Steuerungsabsichten von anderen politischen und ökonomischen Akteursgruppen kommen solche Modelle natürlich zu pass und führen im Rückschluss zu neuen Regelungen und Berechnungen von Leistungssätzen führt, die wiederum die konkrete Situation [Pflegeeinrichtung – zu Pflegende – Aufgabe – technische Lösung], als auch die Situationsdefintion [Was ist abrechenbare Leistung? Was sind Nutzerbedürfnisse?] beeinflussen.