ChN_pm1W4AEmIcH.jpg_largeAbschlussdiskussion beim #bsen // Autor: Colab Chemnitz (Twitter) // Lizenz: Copyright

Ich habe heute auf einem Netzwerktreffen sächsischer Blogger einen Vortrag über die Idee von Partizipation im Online-Marketing gehalten (s.u.) und mir rund um die Veranstaltung Gedanken zum „Vernetzen“ und Blogs bzw. Blogger_innen als Gruppe gemacht. Der Blogbeitrag fasst den Inhalt des Talks zusammen und berichtet im zweiten Teil von Fragen und Beobachtungen.

Partizipation durch Narration

Für meinen Vortrag vor sächsischen Bloggerinnen und Bloggern habe ich die Idee von Partizipation als Online-Marketing-Strategie im Musik- und Kulturbereich aus meinem TEDx-Talk versucht, um einen handwerklichen Hinweis zu erweitern. Dieser bestand darin, die Merkmale von (Stegreif-) Erzählungen nach Schütze als Maßstab für eigene Erzählungen in Unternehmensblogs zu verwenden. Die Idee dahinter war, dass Erzählungen als Darstellungsform am ehesten geeignet sind, Prozesse (in Organisationen und Projekten) so darzulegen, dass Leser_innen diese nachvollziehen können und sich dadurch Teilhabe entwickelt. [Die geneigte soziologische Leserschaft bitte ich um Nachsicht bei der etwas assoziativen Verknüpfung des zweiten Gesetzes des symbolischen Interaktionismus und Schützes Homologiethese.]

Partizipation durch Narration für #Corporate Blogging bei SlideShare

In der Diskussion zeigte sich, dass die Verknüpfung von Narration als Mittel und Partizipation als Leitbild von Online-Marketing durchaus fruchtbar war. Neben Übertragungen auf eigene Projekte (u.a. ein spannendes Archiv-Recherche-Projekt und eine sehr kommunikative Anwaltskanzlei) kamen auch Bedenken bzgl. der Transparenz von Prozessen in Projekten in sehr kompetetiven Marktumfeldern zur Sprache. Außerdem habe ich – ggf. gegen die Erwartungen – keine Handlungsanweisungen in Form von „bullet points“ geliefert, sondern versucht, für eine Art über die eigene Kommunikation nachzudenken zu sensibilisieren, was zumindest laut dem expliziten Feedback gut ankam.

Blog(ger) vernetzen?

Ich habe mich auf der sehr gut organisierten und kuratierten #bsen-Konferenz sehr wohl gefühlt und außerdem alte und neue Bekannte getroffen (shout out an Christian Bollert, Tobias Bieheim & Falk Gruner). Gleichzeitig hinterließ mich die Abschlussdiskussion und das Anliegen des Treffens mit einigen Fragen.

Auch wenn ich einige „Onliner“ mal „in echt“ getroffen habe, fühlte ich mich vom Veranstaltunsgmotto „Blogger spinnen ein Netzwerk“ nicht richtig abgeholt. Zum einen stören mich die Begriffe „netzwerken“ und „vernetzen“ als Zielstellung von Zusammenkünften: Warum kommen Menschen sonst freiwillig unter Zahlung einer Konferenzgebühr, bzw. auf Einladung, als Sponsoren oder professionelle Beobachter auf Kongresse, als um ihre Ideen, Standpunkte und Visitenkarten auszutauschen? Die Explikation der Absicht hinterlässt mich unsicher und mit einem leichten Schaudern vor bemüht fehlschlagenden Kaffeegesprächen mit Vokabeln wie „b2b“, „outbound“ oder „Skalieren“. Hat alles seine Berechtigung, sage ich auch manchmal, aber macht gerade gehäuft deutlich, dass es sich oft um Gesten dargestellter Geschäftigkeit handelt, statt um echte Synergien oder Begeisterung füreinander.

Zum anderen scheint mir offline Netzwerken unter Blogbetreibenden per se kontraintuitiv: Bloggerinnen und Blogger vernetzen sich per Blogroll, Zitate, Retweets, Mentions, Pings, Trackbacks, etc. – kurz: durch das Prinzip des Hyperlinks. Und das tun sie eben oder auch nicht. Genausowenig wie sich alle Fahrradfahrer abseits des Sattels vernetzen müssen oder können, scheint es mir fraglich „die“ sächsischen Blogger zu vernetzen. Es gibt durchaus gemeinsame Themen und Berührungspunkte für Food-Blogs, Medienagenturen und Stadtteil-Blogs wie technisches und rechtliches Know How oder auch Vermarktungs- und Monetarisierungsmöglichkeiten. Diese Interessen und Bedürfnisse spezifizieren den gesetzten Rahmen „Blogger“ aber in eine bestimmte Richtung: Angesprochen sind vor allem professionelle oder halb-professionelle Onliner bzw. Agenturmenschen. Solche also, die mit ihrem oder anderen Blogs oder Dienstleistungen dafür Geld verdienen (wollen) oder in einem benachbarten Berufsfeld arbeiten und das Blog zur Akquise, „Vernetzung“ und Reputationsmehrung nutzen.

Auch dagegen habe ich grundlegend nichts einzuwenden, wir machen das drüben bei analogsoul ja auch so: Bloggen, um gesehen zu werden. Ich gehöre also selbst durchaus in die Zielgruppe, fühlte mich als Leser von Blogs und erst recht mit der Idee von Partizipation durch Online-Interaktionen auf der #bsen-Konferenz nicht gut repräsentiert. Die etwas unscharfe Benennung der Zielgruppe scheint mir auch ein Gutteil der Erklärung dafür zu sein, warum viele Teilnehmer in der abschließenden Diskussionsrunde enttäuschte Erwartungen (an die Vorträge) expliziert haben und auch die Frage der „Vernetzung“ „der“ sächsischen Bloggerinnen und Blogger bis auf informelle Gespräche eher im Hintergrund blieb. Für die zahlreichen Motivationen Blogs zu betreiben, zu lesen, einschlafen zu lassen, neu zu gründen, umzuziehen, zu pflegen, zu kommentieren, zu empfehlen oder links liegen zu lassen lässt sich nicht eine Interessengemeinschaft spinnen. Um Medienprofis die Lobby für Online-Darstellungsformen machen wollen schon. Finde ich auch berechtigt. Das ist dann aber eine andere Sache als das, was ich persönlich an Blogs und Online-Kommunikation reizvoll finde.

UPDATE 30.04.: Dass ich am nächsten morgen zwei sehr lange Mails geschrieben habe, um aussichtsreiche Kollaborationen für zwei berufliche Projekte anzuleiern, ist eine nette Zusatzinformation, um den Schluss des Artikels auch noch einmal „praxistheoretisch“ zu perspektivieren. Lass den Typen doch meckern, „vernetzt“ hat er sich am Ende doch.